Reise

Die Strassen Pakistans – ein Unglück kommt selten allein – Teil 2

Nach einigen Tagen treffen wir wieder auf Brigitte und Wolfgang, die wir zum ersten Mal in Kirgistan angetroffen und bei unserer Chinadurchquerung näher kennengelernt haben; auch Philipp, ebenfalls ein Teilnehmer dieser Gruppe, kommt dazu. Wir wollen zusammen etwas Zeit in der „Cold Desert“ verbringen – einer offensichtlich sehr kalten Stein- und Sandwüste unweit von Skardu.

Von Kälte ist nichts zu spüren, wir geniessen die wunderbare, einsame und fast ausserirdische Mondlandschaft in den grauen Sanddünen bei Wärme und sitzen auch abends noch lange diskutierend draussen. Endlich bietet sich auch mal wieder die Gelegenheit zum Klettern, was wir alle sehr geniessen. Wie bereits in Tadschikistan – auch hier unendliche Klettermöglichkeiten in feinstem Granit!

wunderbar griffiger Fels!

Nach einem Seit-Abstecher ins Shigar-Valley machen wir uns auf, noch tiefer in das Shyok-Tal zu stossen und erreichen als letzten, für uns befahrbaren Ort Khaplu. Von hier aus bietet sich eine unglaubliche Sicht auf die Riesen Gasherbrum, K2, Masherbrum. Einfach nur fantastisch!

Auch hier kommt es zu spannenden und herzlichen Begegnungen: da die meisten Menschen in den Tälern Selbstversorger inklusive mindestens einer Kuh sind, ist schönes, frisches Gemüse und Obst oft nur schwer erhältlich. Wir werden von einer Familie mit einem ganzen Sack Gemüse inklusive knackigem, grünem Salat, den wir seit Monaten nicht mehr genossen haben, versorgt. Am nächsten Tag dürfen wir gar auf ihrem Feld selber ernten gehen. Selbstlos wird uns der Autoschlüssel hingehalten, damit wir die Gegend ohne unser Riesenschiff erkundigen können. Wann wäre uns das je zuhause in den Sinn gekommen?!?

Nach einem Ausflug zum Khaplu-Palace, der bis in die achziger Jahre Sitz der königlichen Familie war, ist es mal wieder viel schneller als erwartet dunkel geworden und wie so oft herrscht Stromausfall. Bei unserem langen Marsch zurück durch die tiefe Dunkelheit hält ein Auto neben uns – die Besatzung besteht darauf, uns mitzunehmen.  Obwohl schon sechs Menschen in dem Auto sitzen, wird ruckzuck zusammengerückt, um uns auch noch unterzubringen. Die Menschen stellen sich als königliche Familie vor – wann wird sich die Gelegenheit wieder bieten, mit der Tochter des Rajah eng an eng durch dunkle Gassen zu kurven?!

Auf der Rückfahrt von Khaplu machen wir Halt in Kharfaq; in den Bergen oben soll sich ein schöner See befinden. Rucksäcke mit Camping-Krempel geschultert und los geht’s! Wie fast immer sind die Zeitangaben völlig aus der Luft gegriffen, der Aufstieg will kein Ende nehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Terrassenfelder ein einziges, riesiges Labyrinth darstellen, das oft nur mühsam zu durchqueren ist. So schaffen wir es erst am nächsten Morgen bis zum See hoch, der uns für den harzigen Aufstieg aber mehr als entschädigt. Selbst hier treffen wir noch auf Hirten, auch die Terarssenfelder sind fast bis hoch angelegt. Die Bestellung dieser Flächen ist aufwendig und schweisstreibend. Beim Abstieg begegnen wir all den mit der Kartoffelernte beschäftigten Dorfbewohnern, Säcke von 110kg werden geschultert, Frauen tragen bis obenhin gefüllte Hurden. Unglaublich, welch harte Arbeit diese Menschen hier leisten – und doch immer noch ein freundliches Wort, ein Winken für uns übrig haben!

Durch die schöne Tour bestens gelaunt, machen wir uns auf die Rückfahrt. Die Strasse ist in gutem Zustand, aber recht eng, was die meisten Verkehrsteilnehmer nicht im Geringsten stört. Mit einem ungeheuren Tempo brausen sie in der Mitte der Strasse auf uns zu, oft wird im allerletzten Moment das Steuer rumgezogen. Dies verursacht vor allem bei Karin, die im Linksverkehr den Entgegenkommenden direkt ausgesetzt ist, so manchen Schreckmoment – zum Glück haben ganz viele Autos die Rückspiegel angeklappt oder überhaupt nicht mehr vorhanden. Ausserdem kommen wir so kaum vom Fleck, dauernd stehen wir nach Ausweichmanövern wieder neben der eigentlichen Fahrbahn und fluchen über den anarchistisch anmutenden pakistanischen Fahrstil. Dieses ewige Stop’n’Go nervt, vor allem, wenn man müde ist.

Kaum angefahren, kommt uns erneut ein Minibus in schnellem Tempo entgegen. Wiederum ohne jegliche Anstalten, auszuweichen. Tatsächlich rast der Bus quasi ungebremst in uns hinein; durch TINKA geht ein leichter Ruck, Knirschen, Quitschen, Scheppern. Nach gut 30 Metern kommt der kleine Minibus neben der Strasse im Sand schliesslich auch zum Stehen. Zum Glück sind die fünf Insassen alle wohlauf, der Bus sieht jedoch arg mitgenommen aus: Scheiben zerborsten, Spiegel abgerissen, Seite eingedrückt…der junge Busfahrer ist voll und ganz überzeugt, dass ihn keinerlei Schuld trifft, in Pakistan hätten die grösseren Fahrzeuge den kleineren auszuweichen! Wir bestehen auf die Polizei, die nach gut zwei Stunden in Form eines eher hilflosen Polizisten auftaucht, der nach geraumer Zeit versucht, den Unfall mit einem ausgeliehenen Kugelschreiber auf einen kleinen, zerknitterten Zettel  aufzuzeichnen. Zwischenzeitlich hat sich natürlich ein gutes Dutzend Menschen eingefunden, jeder gibt seinen Kommentar ab, jeder weiss es besser – es fehlt nur noch der Tee. Wir staunen über die offensichtlich komplett fehlenden Unfallphysik-Kenntnisse des Polizisten und auch der anderen „Experten“; uns schwarnt Ungutes. Jeder scheint zu wissen, dass wir das andere Fahrzeug abgedrängt hätten, schliesslich habe dieses ja deutlich stärkere Schäden als TINKA und stehe neben der Strasse…

Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich zwei Militär-Jeeps auf, ein Dutzend Militär entsteigt, darunter offensichtlich auch ziemlich ranghohe Tiere. Die Situation ändert sich plötzlich komplett, der 18jährige Unfallfahrer, der seinen Führerschein gerade mal vier Monate hat, wird ohne geduldete Widerworte belehrt, ein Kuvert mit Geld wechselt den Besitzer und der Fall wird mit den Worten „you are our guest“ an uns geschlossen. Obwohl wir natürlich erleichtert sind, hinterlässt dieser Vorfall ein etwas schales Gefühl – und einen zerbeulten Kotflügel bei TINKA. Irgendwie tun uns die jungen Männer leid, eine Kasko-Versicherung wird es hier wohl kaum geben und gelernt haben sie aus dem Unfall eher auch nichts – und wir bleiben auf unserem Schaden sitzen.

Nach 1,5h Fahrt rollen wir durch eines der letzten Dörfer vor Skardu und müssen in einer engen Kurve vor einem Einkaufsbüdchen abbremsen. Wie aus dem Nichts erscheinen drei schwarz gekleidete Gestalten; Karin hört gerade noch, wie sie Toralf „we have to talk with you“ mitteilen – und weg ist er, wie vom Erdboden verschluckt. Da stehen wir nun: zwei durstig-hungrige Kinder, deren Geduldsfaden nun wirklich langsam reisst, einer Riesenkarre, die mitten auf der Dorfstrasse steht und der Ungewissheit, was da wohl gerade passiert und wo Toralf hin verschwunden ist. Das erste Mal auf unserer ganzen Reise kommt sowas wie Angst auf – was, wenn da was Ungutes dahinter steckt??

Nach kurzem Zögern kauft Karin den Kindern schnell eine Bestechung in Form von Cola und Chips, kontrolliert die Kleidung und macht sich auf die Suche nach Toralf. Der Shop-Besitzer will nicht so recht rausrücken mit der Sprache, aber die aufkommende Panik macht Karin wohl ziemlich überzeugend. Schliesslich wird auch sie von zwei Männern in Schwarz in einen Seiteneingang in ein Haus geleitet, im ersten Stock sitzt Toralf inmitten weiterer Männer. Das Ganze löst sich auf: es ist der Polizeiposten, ein anständiges Unfallprotokoll muss erstellt werden, damit der Fall abgeschlossen werden kann. Alle sind absolut korrekt zu uns und der Sohn des Polizeichefs übersetzt.

Wir haben aber erst mal die Nase voll von Strassenabenteuern und überhaupt keine Lust, die anstrengende 170km Skardu-Gilgit-Road zurück unter die Räder zu nehmen. So entscheiden wir uns spontan, am kommenden Tag doch den Weg über den Deosai-Nationalpark zu versuchen und hoffen einfach, dass TINKA unter den Felsvorsprüngen durchpasst und wir die Haarnadelkurven nicht rückwärts runter müssen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

2 comments

  1. Schöner Beitrag ich bin froh ist euch nichts passiert. Tolle Fotos und weiterhin gute Fahrt, passt auf euch auf und geniesst es. Liebs Grüessli Elodie umd Bryan

    1. Liebe Elodie, lieber Bryan
      wir freuen uns über eure treue Begleitung! Das Fahren in Pakistan war nur die Vorbereitung auf Indien 😉
      Herzliche Grüsse, Karin & Family

Schreibe einen Kommentar zu Tinka Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert