Reise

Die Strassen Pakistans – ein Unglück kommt selten allein – Teil 1

Einmal mehr versperrt uns in einer engen Kurve ein Bagger den Weg. Wir warten geduldig, sind sogar in der Pole-Position. In dem Moment kommt von der Gegenseite oben ein Traktor mit Anhänger, auf dem fünf Männer in wehenden Gewändern stehen, im Affenzahn um die ausgesetzte Kurve gebraust. Die Kurve ist zu eng für das Tempo, der Traktor mit seinem Anhänger wird aus der Kurve geschleudert, scheint eine Zehntelssekunde über dem Abgrund zu schweben, prallt aber glücklicherweise auf der abschüssigen Seite gegen einen zuvor hingebaggerten grossen Stein, sodass er schliesslich gegen den bergseitigen Fels katapultiert wird. Das Vorderrad wird abgerissen, die Achse verbogen. Wie durch ein Wunder scheint keiner der Besatzung ernsthaft verletzt. Wäre der grosse Stein nicht gewesen, wäre die gesamte Mannschaft mehrere hundert Meter die Felswand herunter in den sicheren Tod gestürzt. Wie unglaublich sinnlos! Dieser Unfall direkt vor uns beschäftigt uns noch lange auf der weiteren Fahrt.

Wir sind auf dem Weg nach Skardu, dem Hauptort der Region Baltistan. Es führen zwei Strassen dorthin: einerseits die berühmt-berüchtigte Gilgit-Skardu-Road, die seit vielen Jahren im Bau ist oder aber der Weg im Süden über Astor und den berühmten Deosai-Nationalpark. Von der Süd-Route wird uns abgeraten, viel zu eng und wohl nur für Jeeps befahrbar!

Wir entscheiden uns schliesslich für die Gilgit-Skardu-Road. Die 170 Kilometer haben es in sich: es ist eine Aneinanderreihung unzähliger Baustellen, an denen gebaggert, geräumt, gepickelt, gesprengt oder – leider sehr selten – gar schon asphaltiert wird. Meist besteht die „Strasse“ aus einer mehr oder weniger holperigen Sand-Kies-Piste, der Staub ist unbeschreiblich. Sie ist schmal, äusserst ausgesetzt, kurvig und führt durch ein enges Tal, das kein Ende nehmen will. Der nicht abbrechen wollende Gegenverkehr lässt das Ganze nochmals spannender werden – es ist für den Schwerverkehr der einzige West-Ost-Handelsweg. Das Rangieren auf dieser Strasse fordert Fahrer (und Beifahrer) alles ab und ist psychisch äusserst fordernd, die Gedenktafeln sprechen ihre Sprache.

Die LKWs haben meist eine Dreier-Crew an Bord: den Fahrer, den Mechaniker und den Einweiser. Karin muss unzählige Male heraushüpfen, um beim Rangieren, das oft um Zentimeter geht, einzuweisen. Sie wird als Einweiser oft von – meist wenig hilfreichen – Pakistani übertönt und überwinkt; leider kennen diese weder den schwankenden Koffer noch den engen Wenderadius von TINKA, sodass Karin sich hier oft einfach durchsetzen muss, was in der patriarchalischen Gesellschaft wohl ziemlich merkwürdig wirkt. Der farbenfrohe Salwar Kameez mit wehendem Schal, der sich immer irgendwo verfängt, tut das übrige – oft schlägt ihr schlicht ungläubiges Staunen entgegen.

Das mühsame Fahren wird immer wieder durch Baustellen unterbrochen. Leider ist dort die Verkehrsführung oft völlig ungeordnet, ein jeder fährt so auf, dass kein Durchkommen mehr ist, sodass es fast jedesmal zu einem beinahe unentwirrbaren Verkehrsknäuel aus verkeilten Lastwagen, Minibussen, PKW und sonstigen Gefährten kommt – rien ne vas plus, keiner kann sich mehr bewegen, jeder hupt. Ironischerweise finden sich an allen Baustellen hübsche Plakate mit einer Telefonnummer, wo „Complaints“, also Beschwerden aller Art, mitgeteilt werden können. Wo bitteschön gibt’s eine Standleitung?

Wir sind müde und erschöpft, müssen aber weiter – Anhalten auf den meisten Streckenabschnitten unmöglich. Und schon stehen wir in der nächsten Baustelle. Wir werden gestoppt, da eine Sprengung ansteht. Mit uns ein gutes Dutzend andere Fahrzeuge. Anscheinend sind wir alle viel zu nahe an der Sprengstelle. Nach einem halbstündigen Palaver muss die gesamte Kolonne rückwärts setzen. Bei Kakao und Kuchen – die Küche ist ja zum Glück stets dabei – beobachten wir die eindrückliche Sprengung. Andere gehen mit ihren Kindern ins Kino…nach gefühlten Ewigkeiten setzt sich der Staub; nur leider liegt nun ein grosser Felsblock auf der Strasse. Palaver, Palaver. Die kleinen Gefährte werden durchgewinkt, was wiederum zu einem mittelgrossen, gefährlichen Überholchaos auf engster Strasse führt. Wir stehen nun inmitten der farbenfrohen und mit hunderten Bimmelglöckchen versehenen pakistanischen Riesenlaster. Neben uns rieselt erst der Sand, dann kleinere und grössere Steine aus dem Sprenghang nieder – wenig beruhigend. Wir fühlen uns wie beim Bergsteigen in einem Felssturzgebiet und wollen nur noch weg. Aber nein, der Felsbrocken soll ebenfalls weggesprengt werden – was mindestens 3-4 Stunden Wartezeit bedeutet. Toralf kann die Baustellen-Leitung von TINKAs Wendigkeit überzeugen und so dürfen wir auch passieren. Zum Glück, schliesslich beginnt es bereits zu dämmern und wir wollen unter keinen Umständen bei Dunkelheit auf dieser gefährlichen Strecke fahren. Auf einem wenig romantischen, dafür aber sicheren Aussteller können wir übernachten. Wir sind fix und fertig von diesem Tag – in acht Stunden haben wir gerade mal 42 Kilometer geschafft – 130 liegen noch vor uns!

Der zweite Fahrtag ist wider Erwarten deutlich entspannter, weniger ausgesetzte Strassen, bereits geteerte Abschnitte und eine abwechslungsreichere Umgebung. Das enge Tal wird plötzlich ganz weit, der Indus-Fluss präsentiert sich mit seinen breiten, weissandigen Bänken beinahe wie ein ewiglanger See. Unglaublich, Ladakh ist nun so nahe.

Natürlich kommen wir erst abends, bei Einsetzen der Dämmerung in Skardu an. Auch hier vibriert die Stadt im Licht der vielen Funzeln, wie immer sind all die tiefhängenden Leitungen so gut getarnt, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als Karin wieder aufs Dach zu setzen, um das Kabelzeug vor dem Abreissen zu retten. Wir dürfen einem Hotel stehen, das seit Jahrzehnten als Ausgangspunkt für die meisten K2-Expeditionen dient. Fein säuberlich sind die Expeditionen der letzten Jahrzehnte im Hotelfoyer aufgeführt, unter den Teilnehmern finden sich bekannte Namen aus der Schweiz. Der Berg ruft, die Erinnerungen an zurückliegende Abenteuer in Nepal und Südamerika melden sich beinahe schmerzlich.

2 comments

  1. Nach langer Ruhezeit des Compis haben wir wieder einmal Eure eindrücklichen Reiseberichte gelesen!
    Wir sind immer wieder begeistert von den eindrücklichen Bildern aus der Ferne und spannenden Kommentaren dazu!
    Weiterhin viel Gück und gute Nerven auf der weiteren Reise wünschen Euch Allen mit lieben Grüssen Regi und Martin LIndgren

    1. Liebe Regi, lieber Martin
      Ja, bei Euch ist der Sommer und die Draussensein-Zeit wohl langsam vorbei.Wir geniessen noch immer sommerliche Temperaturen. Und ja, Nerven brauchen wir im Moment ordentlich…wir sind in Indien. Eure Hefte werden übrigens sehr oft und gerne von den Kids gebraucht und die Karte duddelt zu unserem Leidwesen immer noch fröhlich vor sich hin.
      Seid ganz herzlich gegrüsst!

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