Reise

Dead Goat Polo und ein neuer Haarschnitt für Tabea

Einmal mehr steht TINKA an einem wunderbaren Platz; beinahe mystisch mutet die weite Landschaft an. Ein Hügel reiht sich an den nächsten, mit dem nahenden Herbst geht das satte Grün ins trockene Gelb über, das sich lediglich unterbrochen vom fast unwirklichen Türkis des Wassers, kilometerweit hinzieht.

Wir befinden uns auf einem Hochplateau in 3000 Meter Höhe in Kirgistan, vor unserer Tür liegt der Song Köl, der zweitgrösste See des Landes. Bereits die Fahrt hierher hat uns unzählige Male staunen lassen – angesichts der unendlichen Weiten und der unglaublichen Schönheit und Weite der Landschaft kommt eine Demut auf. Auch die häufigen persönlichen Begegnungen mit den Nomaden, die in grösster Einfachheit leben, geben uns Anlass, über unser Leben in der Schweiz, unserer dortigen Freiheiten und Zwänge oft nachzudenken.

Eigentlich wollten wir ja schon vor ein paar Tagen den See erreichen, haben aber versehentlich einen umständlichen, langen Weg über unbefestigte Strassen gewählt, was unser Reisetempo auf beschauliche durchschnittliche zwanzig Stundenkilometer reduziert hat. Hätten wir uns zu Beginn der Reise darüber noch geärgert, freuen wir uns nun umso mehr über die abgelegenen und ursprünglichen Ortschaften wie auch über die abenteuerlichen Strassen, die sich in unzähligen Kehren den Berg hochwinden. Wir sind zuversichtlich, am heutigen Tag endlich unser Ziel zu erreichen, als wir nach der nächsten Kurve auf ein in die Jahre gekommenes Auto mit erschöpftem Fahrer treffen. Es ist Will, ein junger Pole; er und seine Freundin Magda haben sich in ihrem Heimatland das Auto für klein Geld gekauft und sind auf Reisen aufgebrochen. Seit mehreren Wochen fahren sie quasi von einer Autowerkstatt zur nächsten, damit ihr Auto noch einigermassen fahrtüchtig bleibt. Die Passfahrt war für das alte Auto zuviel; zehn Kilometer vor der Passhöhe war kein Weiterkommen mehr. Während Magda per Anhalter am Vortag auf der Suche nach einer Abschlepp- und Reparaturmöglichkeit weitergezogen ist, harrt Will bei dem defekten Wagen aus. Bei fehlender Telefon- und Internetverbindung ist der Kontakt zwischen den beiden abgebrochen. Versuche anderer Vorbeifahrender, das Auto abzuschleppen scheiterten.

So kommt TINKA als alte Feuerwehr in ihr Element: wir schleppen den armen Will erst auf den Pass und weiter unten in der Ebene weitere zehn Kilometer ins nächste Dorf, wo weit und breit keine Werkstatt zu finden ist. Das Dorf wirkt wie ausgestorben, lediglich ein paar gähnende Hunde liegen an der Strasse und sind durch den vielen Staub von dieser kaum mehr zu unterscheiden. Weiter geht’s zum nächsten Ort, das weitere zwanzig Kilometer entfernt liegt. Die wenigen Lehmbauten geben uns wenig Hoffnung, hier fündig zu werden. Plötzlich kommt eine junge Frau mit blondem Haar angerannt; es ist Magda, Wills Freundin – hier soll es tatsächlich einen Automechaniker geben, eine Abschleppmöglichkeit war nicht möglich aufzutreiben. Ein unscheinbarer, kleiner Wellblechschuppen ist die Werkstatt, der Besitzer stellt sich als ein fähiger Mechaniker heraus, der das defekte Teil sofort ortet und es gleich vor Ort schweisst. Will und Magda sind überglücklich, ihre Reise kann weitergehen – zumindest bis zur nächsten Werkstatt!

So kommen wir halt einen Tag später an; wie ist es doch schön, einfach Zeit zu haben! Wir sind fasziniert von der Weite, die sich vor uns auftut. Überall weiden Tiere, unzählige Pferde bewegen sich anmutig über die Weiden, die weissen Jurten leuchten von weitem. Es kommt uns vor, als würden wir uns durch ein Kalenderbild bewegen!

Abseits der bereits spärlichen Zivilisation finden wir hinter einem der unzähligen Hügeln unseren Platz für die nächsten Tage: einsam aber behaglich eingebettet in eine kleine Ebene, direkt ans flache Seeufer des Song Köls anstossend. Tabea und Julian sind sofort im kristallklaren Wasser und beobachten fasziniert die vielen kleinen Fische, wir machen es uns bei einem frischgebrühten Kaffee mit einem Buch gemütlich, der Reise-Ruhetag lässt sich gut an. Die Idylle ist perfekt, schon beinahe unwirklich.

Plötzlich ertönt ein stampfendes, näherkommendes Geräusch; wir können es nicht einordnen, bis hinter der Hügelkuppe ein geschätztes Dutzend Reiter Staub aufwirbelnd auf unseren Stellplatz zu galoppiert kommt. Die Männer schwingen kleine Reitpeitschen, schauen grimmig drein, die Pferde schnauben. Zuerst sind wir von diesem Spektakel fasziniert, dann aber beinahe erschrocken, da die gesamte Gruppe direkt auf uns zuhält. Haben wir uns versehentlich auf privaten Grund gestellt? Wollen uns die Männer etwas Böses? In dem Moment landet ein enthaupteter Tierkadaver zu unseren Füssen – nach einer Schrecksekunde realisieren wir mit Erleichterung, dass es sich um ein ortstypisches Spiel handelt, von dem wir gelesen haben. Das Dead-Goat-Polo oder auf Kirgisisch „Kok Boru“; zwei gegnerische Mannschaften kämpfen um eine kopflose Ziege.

Unser Entsetzen förmlich geniessend, grinst die Reiterbande nun, Julian wird aufs Pferd gehoben, auch uns wird ein Ritt angeboten, den wir dankend ablehnen.

Es kommen weitere Reiter hinzu; während dem sich die älteren zum Picknick niederlassen, toben sich die Jungreiter aus: ohne Sättel und nur in Unterwäsche jagen die jungen Kerle über die Weide, galoppieren ins Wasser und übertrumpfen sich gegenseitig.

Einer der Reiter kommt auf uns zu, in den Händen das typische runde und flache Brot, dessen Kuhle mit gekochten Innereien gefüllt ist. Wir knabbern am Brot, das Fleisch noch auslassend. Tabea und Julian wollen herzhaft zugreifen, da meint es das Schicksal gut mit uns: plötzlich ein Wolkenbruch, es schüttet wie aus Kübeln. Die Reiter verschwinden wie sie gekommen sind – im Galopp über die Hügel. Und wir sind froh, können wir uns so elegant aus der Affäre respektive in TINKA zurück ziehen. Bei aller kulturell-kulinarischer Neugierde: geschnittene Därme und weitere unidentifizierbare Innereien übersteigen doch unseren westlich geprägten Geschmack.

Bon Appétit

In der ganzen Aufregung hat sich Tabea unbemerkt in TINKA zurückgezogen. Sie sitzt am Tisch und zeichnet. Überall liegen Büschel blonder Haare. Tabea hat sich in der Zwischenzeit selber die Haare geschnitten – der Schnitt ist asymmetrisch, eigenwillig und kaum zu retten. Wir müssen von Herzen lachen, was für ein unerwartet ereignisreicher Reise-Ruhetag in der kirgisischen Stille! Reisen mit oder ohne Kinder – immer wieder ein Erlebnis.

Auch am Folgetag bekommen wir Besuch – Nurlan, ein junger Nomade begrüsst uns auf seiner Runde auf dem Pferd. Tabea und Julian dürfen wieder aufs Pferd, vor allem Tabea ist begeistert. Wir kommen ins Gespräch; auch er hat ein Mädchen und einen Jungen, ein und zwei Jahre alt. Da Tabea und Julian inzwischen ihren ersten Wanderschuhen entwachsen sind, fragen wir Nurlan, ob er diese vielleicht für seine Kinder brauchen könnte. Mit Freuden nimmt er die Schuhe an und fragt schüchtern, ob wir eventuell noch abgelegte Kleidung hätten. Schnell wird alles durchsortiert und die Kleider wechseln den Besitzer. Zwei Stunden später ist Nurlan wieder da – bepackt mit einem schweren Sack voller Milchprodukte: Kymis, die fermentierte Stutenmilch, Kurut, die landestypische Knabberei in Bällchenform aus getrocknetem und gesalzenem Quark und Rahm, der unsere Crème double mager dastehen lässt.

11 comments

  1. Hallo zäme
    Einfach einmalig Eure Reiseberichte, bin immer wieder fasziniert diese zu lesen. Auch Eure Fotos dazu, genial… und manchmal hinterfrage ich mich , was ich eigentlich den ganzen Tag im Büro mache, gibt doch so viel schönes auf der Welt zu entdecken.
    Wünsche Euch noch viel Reiseglück und freue mich auf die nächsten News von Euch. Alles Gute Conni

    1. Liebe Conni,
      lieben Dank für die Rückmeldung! Tja, mit dem Hinterfragen, das hat was. Das machen wir inzwischen fast jeden Tag. Durch das Reisen bekommen wir einfach auch die Gelegenheit und vor allem Ruhe dazu. Das wird die Rückkehr aber nicht einfacher machen…
      Noch eine Woche Kirgistan, dann ist China angesagt und dann Pakistan. Definitiv wieder aufregendere/anstrengendere Destinationen!
      Herzliche Grüsse – auch an die bessere Hälfte und das Team im Spital,
      Karin & Co

  2. ich bin froh gehts euch immer noch gut, ihr erlebt wirklich zum teil komische sachen, musste lachen wegen dem ziegenkadaver. euch weiterhin einen tollen Aufenthalt im unbekannten land, grüessli elodie

    1. Liebe Elodie
      tja, sovieles ist eine Frage der Sicht. Im Gespräch erleben wir es häufig, dass die Menschen, denen wir begegnen, unsere Art zu leben auch total „komisch“ finden. Ich habe mich – beim nebeneinander Wäschewaschen notabene – mit einer Kirgisin über Sozialsysteme unterhalten; ein für sie völlig nicht nachvollziehbares System. Wieso soll man jeden Monat Krankenkasse bezahlen, wenn man nicht krank ist? Dann hat man ja gar keinen Grund, zu seiner Gesundheit zu schauen! Alles eine Frage der Sicht! 🙂
      Herzliche Grüsse,
      Karin & Family

  3. Hallo zäme
    Ich freue mich an euren Erlebnissen und Fotos. Da kommt sogar ein bisschen Neid auf, dass ich eine solche Reise bis jetzt noch nie gemacht habe.
    Die Naturschönheiten sind genial, ebenso eure Begegnungen mit Einheimischen. Auch wenn Tinka zwischendurch Überraschungen bereithält, ihr findet immer wieder gute Lösungen, die sicher auch wieder Kontakte zu Menschen ergeben, und sie fährt und fährt und ……, zuverlässig, hoffentlich bis ans Ende eurer Reise.
    Die Menschen in den bisher bereisten Ländern sind ja meist arm (nach unserem Verständnis!), aber sind euch als Fremde immer wieder freundlich und grosszügig begegnet, chapeau!
    Liebe Grüsse ans ganze Tinka-Team aus Thun
    Yolanda und Hans

    1. Liebe Yolanda, lieber Hans
      Danke für eure Lesetreue! Und neidisch braucht Ihr nicht sein – die Welt steht euch offen 😉 Aber ja, wir sind tatsächlich sehr dankbar, bietet uns das Leben diese Gelegenheit. Auch wenn wir doch schon paar Mal auf Reisen waren – wir staunen immer wieder von neuem über die Schönheiten der Natur. Pakistan würde euch Bergfreunden auch sehr gefallen – es ist wie Schweiz in Grossformat! Unglaublich eindrücklich, wie selbstverständlich da all die Siebentausender einfach so rumstehen. Einfach nur gewaltig! Und die Kontakte zu den Menschen geniessen wir auch sehr – wir lassen uns einfach drauf ein und kommen so auch immer wieder zu ganz tollen Begegnungen. Wir grüssen euch ganz herzlich!
      Das TINKA-Team

  4. Was für ein wunderschöner Reisebericht und tolle Fotos. Wünsche euch noch eine herrliche Zeit. Freue mich auf neue Berichte in Wort und Bild.

  5. Wunderschöne Fotos und spannende Reiseberichte – weiterhin viel Freude zu 4.!
    Es ist spannend wie unterschiedlich die Länder und Landschaften sind.
    Bin beeindruckt, dass ihr sogar einen Backofen mit an Bord habt.
    Geniesst die gemeinsame Zeit. Bei uns hält der Herbst langsam Einzug!
    Gruss Julia

    1. Liebe Julia, herzlichen Dank für die liebe Rückmeldung! Ja, den Luxus unseres Backofens geniessen wir sehr und oft – heute waren wir mal wieder zum Essen eingeladen und haben Muffins mitgebracht; das kommt immer toll an und den Kindern macht es so Spass, zu Backen. Hier in Gilgit/Pakistan ist vom Herbst noch nicht sehr viel zu merken, wir schwitzen noch immer bei 35°C.
      Liebe Grüsse in die Schweiz,
      Karin & Toralf

  6. Liebe Karin und Toralf, Eure Reise bleibt so spannend wie eh und je!! Einfach cool, was Ihr alles erlebt und an uns weitergibt. Wisst Ihr schon, was Ihr am Ende der Reise mit Tinka macht? An der Insel gibt es eine Assistenzärztin, die sehr an einer ev. Übernahme interessiert wäre. Sie heisst Fee Willscheidt. Soll sie sich einfach mal bei Euch melden?

    1. Liebe Corinne, ach, wie schön, von dir zu hören! Eure CD ist inzwischen durch all die himmeltraurigen Strassen so zerkratzt, dass nicht mehr abspielbar. Bitte unbedingt mal die MP3 Dateien – und die Liste, welche Tracks von wem. Toralf hat die nämlich schon vor unserer Abreise vernuschet – und so habe ich mich immer gefragt, wer was…
      TINKA können wir unmöglich abgeben, die gute alte Dame hat uns dermassen zuverlässig begleitet bisher. 20’000 Kilometer und noch kein grösserer Schaden; stell dir vor! Ausserdem warten da noch die Trans-Africa, die Panamericana etc. Aber Reisetipps geben wir selbstverständlich immer gerne weiter!
      Ganz herzliche Grüsse aus Pakistan,
      Karin & Family

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