Reise

Isfahan I – La Grande Bouffe

Unser nächster Halt ist Isfahan, die verheissungsvolle Stadt, mit ihren unzähligen architektonischen und kulturellen Highlights Ziel aller Iranreisenden. Nicht umsonst wird von den Isfahanern selbst das Wortspiel „Esfahan – nesf-e jahan“ zitiert, was soviel heisst wie „Isfahan ist die halbe Welt“. Diese Stadt soll unser Zuhause für die nächsten 2 Wochen werden. Der Patenonkel der Kinder, selbst Iraner mit einer grossen Familie in Isfahan, wird uns besuchen kommen. Die Kinder reden schon seit einer Woche nur noch vom Götti, auch wir freuen uns sehr auf unseren Freund und auf eine kleine Reiseauszeit. Wäsche waschen, Duschen, Autorevision, Einkäufe…so einiges steht auf dem Plan.

Es könnte nicht anders sein, wie immer erreichen wir die Stadt zur Rushhour. Inzwischen schreckt uns das LKW-Stadt-Verbot längst nicht mehr – scheinen sich da drum weder die Einheimischen noch die Polizei zu kümmern, an der wir mit schöner Regelmässigkeit vorbeituckern und immer freundlich winken. Bei den Polizeikontrollen geht es häufig darum, ob es uns gut geht, es uns an Wasser mangelt oder einfach um einen netten Austausch, der aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse sich oft auf das Händeschütteln unter Männern beschränkt.

Isfahan ist bekannt für seine schönen Gartenanlagen; bereits in der Peripherie begrüssen uns schönee Alleen – leider ist der Lichtraum meist knapp bis unzureichend für uns, sodass wir zickzackend um herabhängende Äste, mitten auf der Strasse geparkte Autos und sonstige Hindernisse vorwärtsbegeben. Der Verkehr von Isfahan ist legendär, die rechtsüberholenden Motorräder einfach nur gefährlich. So ist auch diese Stadteinfahrt eher wenig entspannt. Unsere Gastfamilie hat uns inmitten des Zentrums  einen Parkplatz organisiert, der offenbar gross genug für TINKA ist. Im Moment, wo wir davor stehen, werden alle unsere Befürchtungen wahr: niedrige Einfahrt, gespannte Kabel, enge Schranken und ein vollgestelltes Hinterhofparking mit winzigen Parkplätzen – nie und nimmer bekommen wir hier unser geliebtes Monstrum hinein, geschweige denn geparkt. Was sind wir doch noch Schweizer/Deutsche in unserem Geiste! Wie von Zauberhand werden Absperrungen gerückt, Kabel hochgehalten, Autos rangiert und – simsalabim – ein Parkplatz für TINKA geschaffen.

Kaum 10 Minuten später trifft unser Freund mit Verwandtschaft ein – eigentlich irre: wir treffen uns mit weniger Verspätung als zuhause zu einem unserer häufigen Grillabenden in Bern.

So ziehen wir von unseren 8qm TINKA in grosszügige 120qm in Jolfa, dem armenischen Quartier von Isfahan. Es tut gut, sich mal wieder etwas ausbreiten zu dürfen, einen grossen Kühlschrank und eine Dusche zur Verfügung zu haben. Ausserdem ist es schön, den Götti und unseren Freund an der Seite zu haben – gleich stellt sich das Gefühl „Zuhause in der Fremde“ ein. Sofort werden wir in die grosse Verwandtschaft aufgenommen und herzlich empfangen. Ein „kleiner Nachmittagssnack“ in Form diverser Schalen und Schüsselchen wird aufgetischt. Dieser geht nahtlos in die erste Einladung in der Familie eines (der wohl über 40!) Cousins über. Beim Betreten der Wohnung merken wir, dass wir es wohl eher mit der gutbetuchten Schicht zu tun haben. Zu unserem Schrecken finden wir uns in einem Wohnzimmer wieder, dessen Grösse in etwa der Hälfte unseres Hausgrundrisses entspricht. Der Boden ist belegt mit einem riesigen, weiss-silbernglänzenden Seidenteppich, dessen Wert wahrscheinlich einem Jahreseinkommen von uns entspricht und förmlich danach schreit, in Kontakt mit den pittoresk in Kristallschalen aufgetürmten Erdbeeren zu kommen, auf welche sich Tabea und Julian mit Freudengeheul stürzen. Einem Thronsaal ähnlich, stehen für Gäste am Rand brokatstoffbespannte oppulente Sitzgelegenheiten, dazwischen stehen Glastischchen mit Snacks gefüllten filigranen Porzellanschalen – alles nur dazu da, von unseren energiegeladenen Zwillingen zerstört zu werden. Entsprechend tiefenentspannt sind wir Eltern.

Wir fühlen uns in unserer doch eher praktisch orientierten und nicht makellos sauberen Reisekleidung und mit braungebrannten, aber rissigen Händen und Füssen inmitten bestgekleideter gehobener Gesellschaft mässig passend. Die Frauen konkurrenzieren um das kürzeste Kleid, die höchsten Absätze und den tiefsten Ausschnitt – und wir staunen einmal mehr über die Unterschiede im öffentlichen und privaten Leben.

Der plastische Chirurg neben Karin zeigt ihr stolz die Vorher- und Nachher-Bilder Dutzender iranischer Nasen, die – für den europäischen Geschmack – zuvor fast ausnahmslos hübscher waren als danach – so verschieden sind Geschmäcker!

Es werden Melonen-Smoothies mit Glasstrohhalmen gereicht, in Safran-Limone geröstete Pistazien wechseln sich mit frischen Mandeln, verschiedenem Gebäck, Früchten und Nougat ab. Es werden eine Art unreife Mirabellen gereicht, die mit Salz versehen, dem iranischen Geschmack wohl sehr entsprechen, treffen wir doch immer wieder auf diese Spezialität, deren offensichlich erfrischenden Genuss wir nicht würdigen können, da die Dinger für uns schlicht wie ungeniessbare, unreife Pflaumen schmecken – mit oder ohne Salz.

Nach Stunden der gepflegten Konversation mit den Menschen auf den Stühlen links und rechts, füllt sich ein aufgebautes Büffet, bis schliesslich der Tisch vor lauter Köstlichkeiten nicht mehr zu sehen ist. Das Büffet wird eröffnet, die Gäste schaufeln sich die Teller voll, es wird sofort und in einem unglaublichen Tempo – das dies eines jeden Chirurgen in der Mittagspause übertrifft – gegessen. Kaum 20 Minuten später ist der ganze Spuk vorbei, das Essen wird abgetragen, Tee folgt und die Gäste verlassen wie überstürzt das Haus. Es erinnert an eine Teenagerparty, die durch unerwartet heimkehrende Eltern ein jähes Ende findet.

Auch an diese Gepflogenheiten müssen wir uns erst gewöhnen – ist bei uns zuhause doch die Hauptmahlzeit und das lange Zusammensitzen danach doch der hauptsächliche soziale Akt.

Tag für Tag werden wir zu solchen Familienessen eingeladen; diese spielen sich immer nach obgenanntem Muster ab. Wir werden herzlich in die Familie aufgenommen, werden zu Sehenswürdigkeiten chauffiert und dürfen mit ins  Wochenendhäuschen, was einer veritablen Villa mit Fruchtbaumplantage, Gartenanlage und grossem Schwimmbad entspricht. Auch hier nimmt der Essensstrom kein Ende. So gut dieses Leben im Schlaraffenland ist, desto mehr sehnen wir uns wieder nach dem einfachen Reiseleben mit „Kebab-to-go“, Picknick im Freien, Sandalen und Natur. Julian und Tabea fehlt die tägliche Bewegung, die Rhythmusumstellung mit Essen bis in alle Nacht tut ihr übriges. Beide werden täglich nörgliger, stellen absichtlich Blödsinn an und wissen nicht wohin mit ihrer Energie.

Es ist aber sehr schön und oft sehr praktisch bis unumgänglich, unseren Freund und Götti an unserer Seite zu haben. Mit ihm Orte seiner Kindheit zu besuchen, seinen Geschichten zu lauschen – einfach tief in den iranischen Alltag einzutauchen. TINKA braucht nach 10’000 Kilometern ihren wohlverdienten Service, verschiedene Dinge müssen gemacht werden. Auch mit unserem fliessend farsi-sprechenden Freund dauert das Annahe-Gespräch mit dem Garagisten – inklusive Tee natürlich! – geschlagene 3 Stunden; wie wäre das wohl ohne ihn gewesen?

Auch kommen wir so in den Genuss, uns risikolos kreuz und quer durch die gesamte iranische Küche zu probieren, ohne dass wir plötzlich versehentlich Schafshirn auf unserem Teller finden. Ohne ihn hätten wir wohl kaum die Eis-Entdeckung des Jahres gemacht: Berberitzen-Glace, extrem sauer und extrem erfrischend!

Nach den ausgedehnten Familien-Essen plaudern wir zuhause oft noch bis weit in den Morgen hinein – unsere Jolfa-WG macht richtig Spass!

Die zwei Wochen sind im Hui vorbei – traurig müssen wir uns von unserem Freund schon wieder verabschieden, er wird uns fehlen! Bei Julian fliessen dicke Tränen, weil der geliebte Götti schon wieder geht – auch die Kinder haben sich sehr an ihn gewöhnt. Wir wissen aber ganz sicher, dass mit ihm immer ein Stückchen Iran und dessen grenzenlose Gastfreundschaft auch zuhause auf uns wartet.

2 comments

  1. oh karin, schön gehts euch gut, es ist roll wieder von euch zu lesen.
    ich musste über eure wortwahl bei den dinnerpartys so lachen 🙂 gute weiterreise weiterhin!

    1. Jaja – Dinnerparties…da schätzen wir die Picknicks doch deutlich mehr – einfach mehr unser Style 🙂
      Liebe Grüsse Karin & Family

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