Nachdem es in Isfahan gelegentlich schon ungemütlich kalt war, holen wir im Norden des Irans den Winter nun definitiv ein. Die verschiedenen Städte zeigen sich in einem ganz anderen Licht – nun sind auch keine lokalen Touristen mehr da. Wir geniessen die Stimmung sehr, auch wenn es bitter kalt ist.
Karavanserei Mondrakete? Baba Taher Mausoleum Hamadan, im Hintergrund der fast 4000er , Mt. Alvand nicht schön, aber gross Oljeitu Mausoleum in Soltaniyeh – mit 48m Höhe und 25m Durchmesser ein UNESCO Weltkulturerbe
An kühleren Tagen hatten wir die Heizung in TINKA schon mehrfach getestet, ausgerechnet bei den Minusgraden versagt das Ding aber seinen Dienst! An einen Ausbau in dieser Kälte ist kaum zu denken, und Heizungsspezialisten sind wir auch nicht, und entsprechende Ersatzteile haben wir schon gar nicht! Trotz Laufenlassen des Gasherdes bekommen wir die Temperatur im Innenraum nicht über ein Grad, die mit heissem Wasser gefüllten PET-Flaschen kühlen so schnell aus, dass sich der Aufwand kaum lohnt. Zum Glück haben wir unsere Expeditionsschlafsäcke aus vergangenen Abenteuer-Zeiten mit dabei und verbringen somit zwar enge, aber doch einigermassen warme Nächte. Jedoch ist das Aufstehen am Morgen alles andere als angenehm, die Kinder jammern über das eiskalte WC, die Milch bringen wir gefroren nicht aus dem Karton und der Wasserabfluss ist auch zugefroren, sodass uns das Grauwasser in den Gasherd schwappt. Auch TINKA ist mit diesen Temperaturen gar nicht zufrieden – erst mit kochendem Wasser und Schnüffelspray können wir sie zum Anspringen überzeugen, den Kühlergrill basteln wir mit Säcken zu – so machen es alle TINKA-Fahrer im Iran. Dass die Fahrkabine nicht warm zu bekommen wird, wussten wir ja eigentlich schon, wie eisig es sich in Wirklichkeit anfühlt, zum Glück nicht. Wie Michelin-Männchen fahren wir durch die Welt. Julian und Tabea machen alles tapfer mit und schimpfen überhaupt nicht – sie sind sich über die Monate so einiges gewöhnt. Wir beratschlagen, wie wir am schnellsten aus der Kälte herauskommen. Unsere geplante Strecke in der Türkei führt durch Erzurum, eine Gegend, die bekannt ist für Wintertemperaturen zwischen minus zwanzig und dreissig Grad. Auch Osteuropa könnte diesbezüglich noch so einiges zu bieten haben. Wieder mal muss ein Plan B her.
Wir sind keine hundert Kilometer vor der türkisch-iranischen Grenze, als Toralf ein Werbeschild für unsere Heizungsmarke an einer Werkstatt am Strassenrand einer Überlandstrasse erblickt. Und tatsächlich: die Mechaniker kennen sich aus, sie sind die iranische Vertretung unserer Eberspächer-Heizung und: sie haben Zeit und machen sich gleich ans Werk. Was für ein unverschämtes Glück wir doch haben! Die Heizung wird mühselig ausgebaut – wir hätten dies nie so geschafft – und schliesslich Stück für Stück revidiert, Teile ausgetauscht, derweil die Kinder begeistert mit ihren Rädern durch den Matsch auf dem Werkstattgelände pflügen und sich zwischendurch am Bollerofen in der Werkstatt die Hände wärmen.
Helfer in der Not
Nach zwei Stunden ist die Heizung wieder eingebaut und sie gibt ihr bekanntes freundliches Surren zu hören. Wir sind sprachlos vor soviel Glück und schenken den netten Mechanikern von Herzen gerne unseren letzten Bohnenkaffee, da wir für ein spendables Trinkgeld nicht mehr flüssig genug sind. Die nächste Sorge sitzt uns nämlich schon im Nacken: von anderen Reisenden haben wir gehört, dass seit Kurzem wohl konsequent eine Dieselsteuer bei der Ausreise verlangt würde. Die 350 Euro, die bei unserem 700-Liter-Tank fällig werden, haben wir nicht mehr. Die unerwarteten Ausgaben für die Pneu und die Tatsache, dass man im Iran als Ausländer schlicht kein Geld beziehen kann, haben uns ausgenockt. Mist! Wir kratzen unsere letzten Rials zusammen und berechnen, dass dies gerade noch der Steuer für 180Liter Diesel entspricht. Somit entscheiden wir uns, zu schummeln und nur 180Liter anzugeben, was uns sonst ehrlichen Seelen doch recht auf dem Magen liegt.
Am nächsten Morgen nehmen wir die letzten Kilometer Richtung Grenze unter die Räder. Unser Herz ist schwer – diesmal wird der Abschied vom Iran ein längerer sein, und ausserdem zieht es uns so gar nicht nach Hause.
An der Grenze angelangt, steuern wir als erstes den „Oil-Container“ an, wo der Kraftstoff verzollt werden soll. Die Frage nach der Tankgrösse kommt wie erwartet. Mit schlechtem Gewissen gibt Toralf die 180 Liter an. „OK, dann schreiben wir 80 Liter auf“ kommt prompt als unerwartete Antwort, schliesslich werden nur 50 Liter aufgeschrieben, stillschweigend werden für diesen Deal umgerechnet 5 Euro als Lohn abgezwackt. Da sind wir mit einem sehr hellblauen Auge davongekommen – und ohne, dass wir da richtig mitgemischelt hätten!

Mit dem Exit-Stamp auf unseren Visa ist nun auch dieses Land Geschichte, und wir rollen in die Türkei ein, wo als erstes Passagiere und Fahrer getrennt werden. Wie Herdentiere werden Karin und die Kinder durch nicht nichtendendwollende Gänge und Gatter geschleust, immer mal wieder unterbrochen durch sehr freundliche Kontrollen. Schliesslich stehen sie vor dem Ausgang und warten und warten und warten – und frieren! Irgendwas muss nicht in Ordnung sein mit TINKA. Nach gefühlten Ewigkeiten holt man uns zurück, nun sind wir wieder alle zusammen. Um Toralf stehen mehrere Grenzbeamte, „Problem, big Problem“ offensichtlich ist unser Tank viel zu gross. Für einen LKW wären wohl maximal 300 Liter erlaubt; wir werden gefragt, wieviel Geld wir dabei haben. Ein Bündel eingesparte iranische Rial und sechs zerknitterte Fünfeuroscheine sind unser ganzes Barvermögen. Alle schütteln den Kopf – viel zu wenig, keine Fremdwährung! Während Toralf zunehmend genervt ist, erkennt Karin mehrere von den Kontrollen bekannte und nette Gesichter wieder. Wir argumentieren, dass wir ja auch mit diesen Tanks vor nicht einem Jahr eingereist seien und wir ausserdem einen Camper und keinen LKW hatten. Diese Ausnahme scheint nirgendwo schriftlich festgehalten zu sein, es gilt abzuklären – und warten. So wird die zuvor schon abgeschlossene Gepäckkontrolle nochmals in extenso durchexerziert, TINKA muss ins Röntgen und sogar unsere Granatäpfel werden aufgeschnitten und kontrolliert.

Derweil bespassen die andern Grenzbeamten die Kinder oder umgekehrt. Es werden unzählige Fotos geknipst, stolz zeigt uns der eine Grenzbeamte wenig später, wieviele „Likes“ unsere Kinder auf seinem Instagramaccount eingeheimscht haben. Andere Länder, andere Sitten; jetzt haben wir wenigstens mal eine Ahnung, was mit all den hunderten von Selfies passiert. Nach gut drei Stunden ist der Spuk vorbei, keiner redet mehr von dem geschmuggelten Diesel. Hosgeldiniz – die Türkei hat uns wieder.
Iran : Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zumindest was die Kunst der Improvisation anbetrifft. Embargo regt die Phantasie an.
Schade um die Granatäpfel und meine Einkaufstaschen….
Viel Spass am letzten Abend in Asien.
Freuen uns auf Eure Rückkehr.
LG FF
Tja, um die Granatäpfel wars wirklich schade…aber keine Angst, es warten neben kiloweise Nüssen noch Taschen auf Dich. Ja, wir zögern Europa bis zur letzten Minute hinaus. Aber wir freuen uns auch auf Euch – wird Zeit, Euch wieder in natura zu sehen!
KTTJ
Liebe KTTJ,
So viel Abenteuer bei der Einreise in ein (fast) europäisches Land hätte ich nicht erwartet;-) Und dann die Phase ohne Heizung – freut Ihr Euch nicht ein kleines bisschen auf den Komfort zu Hause? Im (Spam?)-Mail hat es wieder ein Gschichtli für die kleinen Abenteurer.
Herzliche Grüsse
Lottigotti
Liebe Lottigotti
Auf den Luxus könnten wir gut noch verzichten – auf dich freuen wir uns!
Liebe Grüsse,
Deine KTTJ