Reise

Ein Yak für Prinz Charles und wie der Fernseher nach Shimshal kam

Die Holperstrecke will kein Ende nehmen; seit fast drei Stunden kurven wir durch enge Schluchten, zwängen uns unter Felsvorsprüngen gerade noch durch, passieren mehrere schwankende Hängebrücken über tief unten liegende tosende Flüsse. Oft gähnt keine 30 Zentimeter neben der ungesicherten Strasse der mehrere hundert Meter tiefe Abgrund. Mehr als einmal wechseln sich Schauder und Faszination bei uns Erwachsenen ab, derweil die Kinder bei dem Gerumpel längst wieder schlafen und neue Energie tanken. Beinahe unverschämt taucht rechter Hand der riesige Mulungutti Gletscher bis einen Steinwurf entfernt an unsere Strasse auf, ob ihm thront mit einer Selbstverständlichkeit der 7885 Meter hohe Destaghil Sar, einer der über 108 Siebentausender Pakistans.

Ali, unser Fahrer, steuert den kleinen Jeep sicher und zügig um – gelegentlich über – alle Hindernisse und Kurven. Die Luft im Auto ist staubdurchsetzt, Alis Hemd unverständlicherweise noch blütenweiss. Völlige Einsamkeit umgibt uns und wir fragen uns, wo hier noch eine Zivilisation angesiedelt sein soll. Nach einer letzten Kurve und anstrengenden 53 Kilometer tut sich plötzlich ein weites Talende auf. Shimshal mutet mit seinen grünen, gelben und braunen weiten Feldern an wie eine Oase in der Wüste; dabei befinden wir uns inmitten der Berge auf 3100 Metern Höhe. Es ist wie ein Eintauchen in eine andere Zeit. Entlang des Flusses verteilt sich das Dorf, eine Siedlung aus gut dreihundert Häusern, die sich weit in die Siedlungsausläufer an den Hängen mit ihren terrassierten Feldern hochziehen. Die Trockensteinmauern und die Lehmhäuser dominieren das Dorfbild, die Wege bestehen aus festgetretenem Lehm. Die Getreideernte ist in vollem Gang, überall stehen vornübergebeugte Frauen in den farbenprächtigen Salwar Kameezes, den klassischen pakistanischen Gewändern. Die einen schneiden den Weizen mit der Sichel, die andern binden den Schnitt zu formvollendeten Garben, die zusammengestellt werden. Auf einer Anhöhe steht eine Gruppe Männer, die vergeblich versucht, die alte Dreschmaschine zum Laufen zu bringen.

Shimshal, ein kleines, äusserst abgelegenes Pakistanisches Dorf, kaum 50 Kilometer Luftlinie von der Chinesisch-Pakistanischen Grenze entfernt. 53 Kilometer von Passu, das auf dem Karakorum Highway liegt. So abgelegen, dass erst 1986 erste Abenteuerlustige dem Dorf einen Besuch abstatteten. Shimshal war und ist noch immer eines der abgelegensten Dörfer im Hunza-Tal.

Wir finden bei Mirza und seiner Familie Quartier und dürfen unser Zelt im Schatten seiner Aprikosenbäume aufstellen. Danach machen wir uns auf den Weg, um das Dorf und seine Umgebung zu erkunden; überall werden wir freundlich gegrüsst. Das Nachtessen nehmen wir im Hauptraum des traditionell gebauten Hauses ein. Ein sogenanntes „Chid“, ein Pamiri Haus, nach alten Traditionen gebaut. Was für das ungeübte Auge einfach oder gar primitiv wirken mag, ist im Gegenteil reich an philosophischen und religiösen Symbolen, die über zwei Jahrtausend zurückreichen. Im Zentrum des grossen Wohn-, Ess- und Schlafraumes fällt Licht von der Decke hinein, als oberstes von vier versetzten, konzentrischen Quadraten, die Erde, Wasser, Luft und Feuer repräsentieren – mit dem Feuer als Deckenlicht. Zudem finden sich fünf Holz-Säulen, welche die Mitglieder Mohameds Familie repräsentieren. Gegessen wird sitzend auf dem Boden, praktischerweise wird eine Plastiktischdecke in der Mitte ausgelegt, die am Schluss des Mahls einfach mit allen Resten zusammengerollt wird – das wäre eine praktische Angelegenheit gewesen, als Julian und Tabea essen gelernt haben!

Das einfache Essen schmeckt gut – wir erfahren, dass es vom 11jährigen Sohn unseres Gastgebers gekocht wurde. Im Verlauf des Abends werden wir noch über viel mehr staunen.

Mirza hat sechs Kinder, zwei Töchter und vier Söhne. Zwei der Buben leben noch zuhause, die anderen Kinder sind übers ganze Land verstreut zum Studieren: Kashmir, Lahore, Islamabad. Etwas, was für den 52jährigen Mirza zu seiner Zeit noch unvorstellbar gewesen war. Erst seit 15 Jahren existiert die Strasse, welche Shimshal mit dem Karakorum Highway verbindet. Der Bau dieser so ausgesetzten Strasse habe ganze 18 Jahre gedauert – das Material gestellt vom Staat, die Arbeitskraft durch die Dorfbewohner, aus jeder Familie ein Mann. Zuvor hätte der Marsch ins nächste kleine Dorf ganze drei Tage gedauert, vor der Erstellung des Highways sogar zwei Wochen.

Eine banale Blinddarm-Entzündung hätte man mit Glück überlebt – oder sei halt daran gestorben, so einfach wie logisch; heute findet sich in dem abgelegenen Dorf eine staatliche und eine private Krankenstation, leichtere Fälle wie eben eine Appendizitis würden den nächsten Ort mit entsprechender Infrastruktur gebracht, schwere Fälle im Aga-Khan-Hospital im über 2000 km entfernten Karachi behandelt.

Mirza erzählt stolz, dass er, dank guter Verbindungen als Bergführer zu staatlichen Helikopterpiloten, der erste gewesen sei, der einen Fernseher im Dorf gehabt hätte. Mit Helikopter sei der Apparat zu ihm geflogen gekommen, die riesige Satellitenschüssel hingegen habe er aber über mehrere Tage aus dem Tal hochschleppen müssen, sie hätte nicht in den Helikopter gepasst. Nach anfänglichem Unverständnis der anderen Dorfbewohner, was die Menschen in diesem seltsamen Kasten so treiben würden, sei bald bei Polo-Matches das halbe Dorf in seinem Haus gesessen. Auch sonst hat der findige Mirza so einige andere Neuerungen in das kleine Dorf gebracht: als Bergführer ist er oft mit ausländischen Bergsteigern in Kontakt und hat so eine Bergschule eröffnet, wo er junge Aspiranten in Spaltenrettung, Kletter- und Abseiltechniken und sonstigen Bergkenntnissen ausbildet. Schelmisch erklärt er uns, dass ausländische Gäste viel Geld zur Besteigung der unzähligen Bergriesen zahlen würde – und er würde sogar noch Geld dafür bekommen, dass er auf dieselben Berge steigen dürfte. Und der nächste Streich folgt sogleich: im Moment ist Mirza daran, ausrangierte Skier zusammenzutreiben, um eine Skischule zu eröffnen. Skifahren, ebenfalls etwas, was anderen Dorfbewohnern zu Beginn mehr als suspekt war – aber offensichtlich haben sie sich an die aussergewöhnlichen Ideen ihres Nachbarn gewöhnt.

Mirza wäre nicht Mirza, würde bei ihm in der Stube nicht ein Foto, auf dem er und Prinz Charles zusammen abgebildet sind, hängen. Im Rahmen eines königlichen Gastbesuches im Hunzatal 2006 wurde er ausgewählt, seiner Erlauchtheit ein Yak als Gastgeschenk zu übergeben.

Noch mehr staunen wir, wie es der Mann aus einfachen Verhältnissen schafft, das Studium aller seiner sechs Kinder zu finanzieren – staatliche Unterstützung ist nämlich kein Thema. Für alle studierenden Kinder hat Mirza es geschafft, ein Stipendium zu erhalten. Seine beiden Töchter spielen in der Fussball-Nachwuchsmannschaft und erhalten so die Studienkosten finanziert. Fussball, Töchter, Islam – wie passt denn das alles unter einen Hut?? Einmal mehr merken wir, wie wenig wir doch eigentlich wissen und wie viele ungerechtfertigte Vorurteile aufgrund von Nichtwissen zustande kommen. Die Einwohner dieses Dorfes gehören dem ismailitischen Islam an, eine progressive Glaubensrichtung, in der die Ausbildung allgemein, aber speziell der Frau und auch ihre Rolle in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat.

Immer wieder werden die Tassen mit aromatischem Kräutertee gefüllt; wir geniessen es sehr, unserem fuchsschlauen und herzlichen Gastgeber mit seinen spannenden Geschichten zuzuhören, derweil sich die Kinder bei Tom & Jerry in der Küche vergnügen.

Zwischenzeitlich hat sich der Dorfpolizist, der unsere Daten in ein grosses Buch einträgt, und zwei weitere Dorfbewohner zu uns dazugesellt. Wir erfahren viel über das Leben hier in diesem Dorf und erhalten viele nützliche Hinweise für unsere weitere Reise durch Pakistan.

Müde kuscheln wir uns schliesslich zu viert in unsere zwei warmen Schlafsäcke und fallen in traumlosen Schlaf.

Nach einer schönen Wanderung machen wir uns wieder auf den langen Heimweg. Nun erscheint uns die Strasse nicht mehr klein und holperig, vor uns sehen wir Mirza und seine Freunde, die über Jahre diese wichtige Verbindung geschaffen haben….

3 comments

  1. hope you are doing Good, Waiting for your next blog. i am really enjoying you blog. it put me back to 20 years when i was anxiously waiting for a pakistani TV Drama, „Dhuwaan“

    1. 🙂 🙂 Now Bollywood!

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