Reise

Bollywood-Dramödie in Dushanbe

Da uns das China-Visum in der Schweiz soviel Zeit und Nerven gekostet hat, beschliessen wir, dieses Visum in Dushanbe zu beantragen. Was für eine Fehlentscheidung!

Am Montag melden wir uns auf der Indischen Botschaft und werden abgewiesen – wir sollen nach der Mittagspause wieder kommen. Gesagt, getan. Nun erreichen wir zumindest den Sicherheitsschalter, werden aber wiederum fortgeschickt und auf den morgigen Tag vertröstet.

Indian Embassy – in Dushanbe unser zweites Daheim

Pünktlich zur Öffnungszeit um halb zehn erscheinen wir am Schalter – um die Mitteilung zu erhalten, wir möchten am Folgetag wiederkommen, das Visum-System (was auch immer das sein mag) würde heute nicht funktionieren. Wir machen deutlich, dass wir uns nicht wieder einfach so fortschicken lassen wollen, so werden wir auf den Nachmittag vertröstet. Wir insistieren, dass zumindest der geforderte Dokumentenstapel auf seine Vollständigkeit überprüft wird. Nun dürfen wir tatsächlich bis an den Visumsschalter vordringen, wo wir von einer mässig motivierten Dame empfangen werden; auf dem Bildschirm ist eine Seite für Schuhe geöffnet. Sie nimmt die Unterlagen entgegen und heisst uns warten. Danach werden wir wieder an den Schalter zitiert. Nun empfängt uns der offensichtlich für Visa Verantwortliche, auch er scheint über unser Anliegen alles andere als erfreut. Fragen hageln auf uns nieder:

1.Weshalb wir das Visum nicht von Zuhause aus beantragt hätten ??? weil die Gültigkeitsdauer vor Landesübertritt verstrichen wäre. Aha!

2. Von welchem Land wir denn nach Indien einreisen werden??? Obwohl dies minutiös in den Unterlagen festgehalten ist, antworten wir wahrheitsgetreu, dass wir über den Landweg von Pakistan her einreisen werden. Aha!

3. Wieso wir denn hier in Dushanbe das Visum beantragen und nicht in Islamabad??? Weil wir lediglich ein single entry Visum für China haben und der einzig mögliche, aber gefährliche Weg zurück über Pakistan-Belutschistan in den Iran führt. Ein Transit, der nur unter strengster Polizeieskorte möglich ist und für uns nicht in Frage kommt. Ausserdem sind die Beziehungen Indien – Pakistan momentan nicht grad die besten…Aha!

4. Wieso wir in diesem Fall denn nicht ein e-Visum beantragen würden??? Weil Indien für den Landweg kein e-Visum akzeptiert. Aha!

Nun gehen dem guten Mann langsam die Argumente aus, er wird von Minute zu Minute unhöflicher – die Arbeit scheint unumgänglich zu werden. Schliesslich werden wir erneut angewiesen zu warten. Wieder an den Schalter zurückgerufen, erscheint der Mensch mit Toralfs Pass wedelnd – für diesen Pass werde er kein Visum ausstellen, dieser sei eingerissen und somit unbrauchbar. Tatsächlich weist der Pass Gebrauchsspuren auf und ist im Bereich des Rückens etwas eingerissen, ansonsten aber mit sauberen und unzerknitterten Seiten. Kein Wunder, ist er doch durch unzählige Beamtenhände an all den Grenzübergängen gegangen und wurde jedesmal auf das Lesegerät gedrückt. Für diese Argumentation hat der Herr kein Gehör, im Gegenteil, als Karin ihm zu erklären versucht, dass wir die Verantwortung über den Pass quasi jedesmal in fremde Hände geben, wie jetzt auch bei ihm, wird er fuchsteufelswild und ruft, ob wir ihn jetzt anschuldigen würden?! Wir sollen einen neuen Pass auftreiben oder zurück nach Hause fahren – er würde uns so kein Visum geben, basta.

Von zurückliegenden Indienreisen an Beamte dieser Art erinnernd, versucht es Karin ein letztes Mal mit aller Höflichkeit, seinen wichtigen Status wahrend und in Bittstellerposition. Und siehe da: zwar immer noch unwirsch, aber nun doch etwas einlenkend, verlangt der nette Herr nun diverse weitere Zusatzdokumente, die in den Anforderungen nirgends so aufgeführt sind. Hierzu benötigen wir unsere Unterlagen und den Laptop – diese wurden uns aber bei Eintritt abgenommen und verwahrt. Wir bitten darum, diese beim Sicherheitsbeamten holen zu dürfen oder beim Security Check unter Aufsicht zu benutzen. Natürlich wird uns dies verwehrt. Also checken wir aus, um die gewünschten Unterlagen in Bruthitze auf einer Parkbank zusammenzustellen, währenddem sich die langsam ungeduldigen Kinder am Brunnen nass-vergnügen.

Nach erneutem Einchecken werden wir wieder zum Warten aufgefordert – diesmal wenigstens in der klimatisierten Reception, wo uns die Dame postwendend wieder an den Visumsschalter kommandiert, von wo wir – erwartungsgemäss – wieder an die Reception geschickt werden. Die Receptions-Dame lässt es sich nicht nehmen, trotz unserer Anwesenheit ihre gesamte Gesichtskosmetik am Schreibtisch durchzuführen. Im Hintergrund laufen die „Breaking News India“, die wir mindestens fünf mal sehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit erscheint der „Visum-Mann“, er ist wie ausgewechselt: höflich und sehr freundlich – keine Ahnung, was dazu geführt hat. Er würde uns behilflich sein und tun, was in seiner Macht stünde. Wir sollen am nächsten Morgen mit allen Unterlagen wieder kommen. Noch immer werden unsere Visaanträge nicht entgegengenommen!

Nachdem wir Stunden in der indischen Botschaft verbracht haben, machen wir uns nun auf den Weg zur deutschen Botschaft. Leider sind diverse Hauptstrassen nicht befahrbar, da grosse Strassenbauarbeiten im Gange sind. So brauchen wir für einen 10 Minuten-Weg eine geschlagene halbe Stunde über engste Schleichwege durch kleine Stadtquartiere und blockieren mit TINKA die ganze Umleitung. Unsere Stimmung steigt überproportional mit den höllischen Temperaturen im Auto. Wider Erwarten wird Toralf auf der Deutschen Botschaft sehr freundlich und kompetent empfangen und ohne grosses Aufhebens wird die Gültigkeit des Passes mittels Unterschrift und Stempel dokumentiert. Julian und Tabea haben sich Karin gegenüber durchgesetzt und spielen mit Knete, die bei der Affenhitze ihren Aggregatszustand von fest zu flüssig wechselt und entsprechend überall klebt – egal, eine Wartestunde mehr überbrückt! Völlig ermattet erreichen wir unser Hotel und sind einfach nur frustriert.

Täglich grüsst das Murmeltier – am nächsten Tag stehen wir wieder pünktlich am Sicherheitsschalter der indischen Botschaft. Um neun Uhr in der Früh zeigt das Thermometer beachtliche 36°C im Schatten. Der Sicherheitsmann ist sichtlich erstaunt, dass wir den Ablauf bereits bestens kennen. Selbes Spiel wie bisher: nach dem Warten am Visumsschalter werden wir – ohne endlich unsere Dokumente abgegeben zu haben – wieder in die Reception zum Warten geschickt. Auch diesmal blättern wir sämtliche dicken Bildband-Wälzer über die indische Fauna, den Tag des Yogas und andere Wichtigkeiten mehrfach mit den Kindern durch. Irgendwann werden unsere Unterlagen doch entgegengenommen, weiteres Warten ist angesagt. Kurz vor dem Mittag werden wir in das Büro der Botschafterin persönlich geleitet, wo wir uns einem Interview zu stellen haben. Die Frau ist sehr nett, höflich und offensichtlich tatsächlich an unserer Familie und Reise interessiert. Von dem kaputten Pass spricht keiner mehr. Dafür werden nun Rückflugsbestätigungen und nochmals weitere Unterlagen gefordert, die wir logischerweise noch nicht haben – wir wissen ja noch nicht einmal, ob wir in dieses Land einreisen können (noch wollen)?!

Danach, oh Wunder, heisst es wieder warten. Schliesslich kommt erneut der Visums-Verantwortliche und bespricht mit uns den weiteren Ablauf: wir sollen an den Visumsschalter kommen, um den Vorgang der Visumapplikation abzuschliessen. Nach dem angenehmen Interview gehen wir davon aus, die Visumsstempel gleich mitnehmen zu können. Aber nix da! Es werde etwa 4-5 Tage dauern, eine Expressbearbeitung sei nicht möglich, genausowenig wie eine genaue Terminvergabe. Wahrscheinlich anfangs nächster Woche könnten wir unsere Pässe bringen und am Folgetag das Visum abholen. Bezahlen ist angesagt. Gesagt getan, leider werden hier keine USD angenommen wie auf der Homepage aufgeführt und normalerweise auch üblich, sondern es werden 3600 Tadjikische Somoni verlangt. Also erneut auschecken – mit dem Hinweis – die Botschaft würde in 20 Minuten schliessen, ab zum nächsten ATM, der nur eine lachhafte Summe von 800 Somoni ausspuckt, der Rest wird in der Bank gewechselt, wofür ironischerweise der Pass gebraucht wird. Kurz vor Botschaftsschluss checkt Toralf nochmals ein, um zu bezahlen, während Karin die energiegeladenen Kinder in TINKA verköstigt. Das wäre ja fast zu einfach; seine Anwesenheit reicht nicht, auch Karin muss nochmals einchecken und persönlich vorsprechen, Fotos machen lassen (wozu denn die mit viel Umständen angefertigten Sonderformatsfotos??) und Fingerabdrücke abgeben.

Wiederum haben wir Stunden in der Botschaft verbracht, die Kinder werden zu Recht völlig ungeniessbar. Wir machen uns auf, die neu angeforderten Unterlagen aufzutreiben – wenigstens dürfen wir sie per Mail senden. Ausserdem müssen wir uns noch um eine Tadjikische Mobilenummer bemühen, da auf unsere deutsche nicht angerufen werden wird. Es wird uns aber versichert, wir würden telefonisch kontaktiert, sobald der Termin zur Visaabholung feststehen werde.

Nach 8 Tagen – inzwischen haben wir das Hotel zweimal verlängert und müssen schliesslich wegen Ausbuchung noch weiterziehen – sprechen wir erneut vor. Jawohl, das Visum ist fertig, abzuholen am Abend. Auf ein Telefonat würden wir wahrscheinlich bis heute warten. Leider sind noch Originalunterlagen verschwunden, die wir über deutsche Ämter wieder auftreiben müssen. Aber: wir haben das Indien-Visum!

Eine unglaubliche Beamten-Willkür und Schikane sondergleichen. Umso unverständlicher, als dass wir unterwegs mehrere Europäer antreffen, die von Zuhause aus ohne jegliche Nachfragen ein Einjahres-Multi-Entry-Visum erhalten haben. Ansatzweise können wir nachvollziehen, wie es anderen Nationen ergehen mag, ein Visum für Europa zu erhalten.

Noch am selben Abend verlassen wir mit aufgestockten Vorräten Dushanbe. Nur weg von hier! Eigentlich hat uns die Stadt mit ihren gepflegten Parks und Grünflächen gut gefallen – angesichts des fast täglichen Ärgers mit der indischen Botschaft konnten wir sie aber nicht geniessen; aufgrund der wiederholten Besuche waren keine Ausflüge in die Umgebung oder morgendliche Streiftouren möglich. Ausserdem – wen wunderts – waren die Temperaturen so unerträglich heiss, dass wir uns mal wieder eine Unterkunft gegönnt haben. Zuerst ein Backpacker Hostel, wo wir aber gemerkt haben, dass wir irgendwie aus dem Alter raus sind und ausserdem fast das ganze Publikum unter Durchfall gelitten hat. So haben wir uns ein nettes Appartement gemietet. Vom Stil vielleicht nicht ganz unserer – Russen-Glanz-und-Glitter; Tabea fand die Kristalllüster, goldenen Kissen und Brokatdeckchen zauberhaft. Die Aussicht aus dem 12. Stock war genial und das Stadtzentrum nahe. Wie die meisten Bewohner sind wir über den Tag in der Wohnung geblieben – das Leben findet nach Sonnenuntergang statt.

Dushanbe macht auf den ersten Eindruck einen recht europäischen Eindruck mit seinen hübschen Parks, den Einkaufsstrassen und Shoppingmalls – auf den zweiten Blick, nämlich direkt hinter dem Haus finden sich auch hier die Wellblechhütten. Wie mögen hier die heissen Sommer und kalten Winter zu ertragen sein?

In der Zwischenzeit ist wenigstens unsere Lichtmaschine aus Deutschland eingetroffen – dies dank der Grosszügigkeit eines in Dushanbe lebenden Deutschen, der sie mit auf den Flieger genommen hat. Der Einbau ist nochmals eine schweisstreibende Angelegenheit – die Aussicht auf kühle Getränke mobilisiert aber Reserven von Toralf und treibt ihn bereits morgens um 5Uhr unter TINKA.

Zugegeben, auch wir haben die Abwechslung nach mehreren Monaten Reisen genossen – die Pizza und das indische Essen waren eine willkommene Abwechslung zu Plov, Schaschlik und Somsa. Das Supermarktsortiment schon fast paradiesisch im Vergleich zum Angebot der kleinen Lädeli. Und doch sind wir eben keine Stadtkinder – uns fehlen die Berge

2 comments

  1. Ich habe soeben das China Visum beantragt -und fand das sei obermühsam. Aber es geht ja noch schlimmer…..

    1. Haha, ja, das China-Visum…ja, das wäre grad nochmals so eine Story. Da dachten wir eigentlich auch, schlimmer geht nimmer. Das war auch ein Witz in Tüten. Als nichtverheiratetes, binationales Paar mit Kindern (oje, geht gar nicht!), de facto unmöglich, weil zur Visabeantragung der Kinder die Pässe der Eltern beiliegen müssen und das Visum im Heimatland des Visumsstellers beantragt werden muss.
      Dann der Witz der Visumsagentur: die machen eigentlich gar nix, ausser die Blätter büschelen und dem Konsulat zukommen lassen. Dafür verlangen sie 118.50 und das China-Konsulat dann nochmals 70.-; bis letztes Jahr hat das Visum lediglich 70.- gekostet. Und „Recherchen“ zeigen, dass das Visum-Application-Center dem Chinesischen Staat gehört, spannend, oder? https://www.travelnews.ch/destinationen/11501-china-erhoeht-seine-visumsgebuehren-massiv.html
      Wohin gehts? Auf ein Bierchen in Kashgar 😉 ?

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